Ich traue meinen Augen nicht. Vor mir steht Mausbär und hat einen Verband um den Kopf. Der Verband sitzt schlecht und ich brauche nicht zu viel Phantasie um mir vorzustellen, wie er sich  den Verband selbst angelegt hat. Eine Schlaufe hängt ihm lose ins Gesicht herunter.

„Was ist los, Mausbär? Hast Du Kopfschmerzen?“, frage ich den Jungen.

Mausbär schüttelt den Kopf. „Nein, eigentlich nicht … aber … doch irgendwie schon.“

„Was denn nun?

Mausbär wippt vom einen Fuß auf den Anderen. „Du solltest mich jetzt hinfahren!“

Ich schaue vollkommen irritiert aus der Wäsche. Ich habe keine Ahnung wo ich Mausbär hinfahren soll.

„Er will sum` Bahnhof!“, erklärt Happy.

„Genau, ich will meine 500 Euros abholen!“

Jetzt verstehe ich. Mausbär will sich Geld erschleichen.

„Aber dafür braussst Du ein Attest vom Arzt und ein Ticket!“, mischt sich jetzt auch Rocky in das Gespräch ein.

„Nein Rocky. Die Bahn hat sich heute entschlossen, alle Fahrgäste zu entschädigen. Egal ob mit, oder ohne Attest. Mausbär braucht nur ein Ticket!“, klärt Teresa die Situation von ihrem erhobenem Platz auf der Kopfstütze des Sofas.

Mausbär schaut mißmutig drein. Er hat natürlich kein Ticket, genausowenig wie er in den letzten Jahren ICE gefahren ist.

„Ich WILL aber 500 Euros!“, sagt Mausbär und stampft mit seinem rechten Fuß auf.

Ich weiß nicht recht, wie ich den Kleinen besänftigen soll, er ist total in Rage.Wütend reißt sich Mausbär den Verband vom Kopf und schmeißt ihn auf den Boden.

„Ich verstehe sowieso nich, warum überhaupt wer 500 Euros bekommt!“, sagt Mausbär böse.

„Na hör mal, Mausbär. Den Leuten ist es in den Zügen echt schlecht ergangen. Die Bahn hat nicht für die richtigen Bedingungen für die Beförderung gesorgt, dafür kann sie ruhig zahlen!“, sage ich.

„Naja, Papa. So gan´s einfach issses ja niss… Iss hab da son Berissst im Fernsehen gesehen.“, sagt Rocky.

Ich habe auch so einen Bericht gesehen. In dem Bericht war die Rede von einer Familie, die die Strecke von Berlin nach Köln mit einem ICE gefahren war. Die Klimaanlage war defekt und der Vater hatte Aufnahmen gemacht, auf denen zu erkennen war, wie schlecht es den Kindern während der Fahrt gegangen war. Das sage ich auch Rocky.

Das Höhlenäffchen macht eine wegwerfende Handbewegung.

Mausbär kickt den aufgewickelten Verband durch das Wohnzimmer. Die Schlange fliegt durch die Luft, kommt aber nicht weit.

„Genau das meine ich doch, Papa. Warum sind die Leute denn nicht ausgestiegen? Auf der Strecke Berlin-Köln sind doch Haltestellen. Wenn die Leute sich wirklich um hre Kinder gesorgt hätten, wären sie dann nicht früher irgendwo ausgestiegen?“, sagt Mausbär mißmutig.

So hatte ich das bisher nicht gesehen. Auf der Strecke gibt es einige Banhöfe, die angefahren werden. Wenn es mir im Zug wirklich drastisch zu heiß wäre, würde ich aussteigen.

„Die Jungs haben recht, Papa Erinnerst du dich noch an die alte Dame in den USA? Die war bei McDonalds und hat sich einen Kaffee über den Schoß geschüttet. Dafür hat sie 640.000 Dollar bekommen. “

Schweiß steht mir auf der Stirn. Draußen ist es heiß und mir rauscht der Schädel.  So wie meine Kinder das gerade dargestellt haben, habe ich das bisher noch nicht gesehen.

„Papa kurzzz und knackissss: wir leben inner´Welt volla Opfer!“, sagt Rocky.

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Die „Pionierin“: Stella Liebeck
Die „böse Bahn“: DB
Die weitverbreitete Krankheit: Opferhaltung

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Wir spielen Demokratie!

Juni 10, 2010

„Papa! Wie funktioniert Demokratie?“

Ich schaue Mausbär interessiert an. Der Junge ist in letzter Zeit verdächtig viel an Politik interessiert.

„Okay, dann spielen wir das jetzt mal durch!“ Ich schaue die ganze Kuschelbande an. Alle sind im Wohnzimmer verteilt.

„1.Regel: Jeder kann eine Partei gründen!“

Wie elektrisiert hüpfen die Kinder herum und tuscheln. Alle wollen eine Partei gründen. Ich nicke.

„2.Regel:Es gilt das Mehrheitswahlrecht. Das heißt: Die Partei mit den meisten Stimmen gewinnt. Daraus folgert weiter: Nur Parteien die bekannt sind, im Brennpunkt der Medien stehen, können die Wahl gewinnen. Sonst wird niemand auf sie aufmerksam.“

Die Kinder nicken, bei einigen kommen die ersten Bedenken. Ich schalte das Licht aus. Protestschreie werden laut.

„Ey, Papa lisst an!“, sagt Rocky. „Papa!!! Ich seh meine Tatzen nicht mehr!“, schreit Mausbär.

Ich knipse meine kleine Taschenlampe an und leuchte Rocky an.

„Ich spiele jetzt die Medien. Nur die Parteien die ich anleuchte, aus der Masse hervorhebe und denen ich meine Aufmerksamkeit gebe, die könnt ihr wählen. Alle anderen kennt ihr gar nicht!“

Nach Rocky leuchte ich Theresa an. Wieder Protestschreie. Alle wollen in den Medien präsent sein.

„Tja Kinder, nicht jedem sind die Medien wohlgesonnen!“ Dann schalte ich das Licht wieder an.

„Papa! Ich will regieren! Ich bin aber nicht in den Medien!“ Mausbär ist ziemlich sauer. Das nutzt ihm aber nichts.

„Tja Kinder. Ihr habt jetzt die Wahl zwischen Theresa und Rocky!“

Mausbär ist prattig.

„Wahlberechtigt sind jetzt: Mausbär, Rocky, Happy und Theresa! Jeder hat eine Stimme. Damit es schneller geht, machen wir eine öffentliche Wahl. Jeder sagt einfach,wen er wählen will!“

Die erwarteten Proteste bleiben aus. Die Kinder können zwar schreiben,aber das würde zu lange dauern. Theresa malt immer kunstvolle Symbole, Mausbär hat Probleme mit den Stiften weil seine Pfoten zu groß sind, Rocky hat Probleme weil seine Hände zu klein sind usw. usw.

„Iss wähle Rocky!“, sagt Happy, dann ist Rocky an der Reihe. „Papa kann is misss sselbsst wählen?“

Ich nicke. „Selbstverständlich!“

„Gut, dann wähle isss miss sselbst.“

„Ich wähle natürlich Theresa! Ich will auf keinen Fall das Rocky an der Macht ist!“, sagt Mausbär.

Theresa lächelt und sagt „Ich stimme für mich!“

Rocky schaltet am Schnellsten. „Es ssteht Unentsieden!“

Ich nicke. „Keiner von Euch hat die Mehrheit!“

„Und jetzt, Papa?“, fragt Theresa.

Ich lächele. „Große Koalition!“

Mausbär zetert los: „Nein, nein, nein! Ich will nicht das mich ein Höhlenäffchen regiert!!“

Ich zucke mit den Schultern. „Tja, fragt mal die Leute in NRW, was die wollten….“

Als ich heute Abend nach Hause kam, lag der Großteil einer Kuschelbande, von den Strapazen dieses Sommertages, ermattet im Bett und döste vor sich hin. Einzig mein kleines, kultiviertes Kätzchen Theresa war fleißig im Internet unterwegs.

„Weißt Du schon das Neueste? Am Wochenende soll die FDP aus der Regierung aussteigen und es soll Neuwahlen geben!“

Ich runzele die Stirn, setze mich neben Theresa auf das Sofa und spiele mit ihren Zöpfchen.

„Wer sagt denn das?“, frage ich.

Theresa deutet mit ihrer Pfote auf das Display des Notebooks. Es ist eine Seite aufgerufen, die mir nicht unbekannt ist.

„Die haben vor einigen Wochen bereits das Ende des Euro und das Comeback der DM ausgerufen. Ich glaube das ist Quatsch.“

Theresa schaut mich mit ihrem sphinxartigen Gesichtsausdruck an.

„Aber der Euro steht momentan auch unter 1,20 Dollar. So ganz unrecht scheinen sie dann doch nicht zu haben!“

Ich halte von diesen ganzen „Die Welt geht unter“-Propheten nichts, zumal oft lediglich unternehmerische Interessen hinter den Parolen stecken. Außerdem steht ja auch 2012 vor der Tür.

„Also Theresa, ich glaube nicht, daß Neuwahlen vor der Tür stehen.“

Theresa wiegt den Kopf.

„Vielleicht hast Du recht. Aber was würde das auch ändern?“

„Nun, wenn es dazu kommen sollte, könnte z.B. die SPD mit den Grünen die Regierung bilden. Das würde ja schon einen deutlichen Politikwechsel bedeuten!“

Theresa schaut mich mit ihrem durchdringen und zugleich unergründlichem Blick an.

„Manchmal bewundere ich euch Menschen für eure Kreativität, eure Intelligenz und eure Fähigkeite. Von Zeit zu Zeit bin ich aber auch entsetzt. Entsetzt darüber, wie wenig ihr eure Fähigkeiten wirklich nutzt.“

Ich zucke mit den Schultern, da ich nicht weiß, worauf meine schöne Katze hinaus will.

„Papa, glaubst Du an den Weihnachtsmann?“, fragt Therese mit ihrer samtigen Stimme.

„Der ist von Coca Cola, daß weiß ja jedes Kind!“

„Glaubst Du an den Osterhasen? Den Storch? Den Schwarzen Mann?“

Ich schüttele den Kopf und erkläre: „Das sind doch alles Märchen!“

Theresa schnurrt wohlig. Sie scheint ganz in ihrem Element zu sein.

„Ganz recht, Papa. Aber im Gegensatz dazu glaubst Du an andere Märchen!“

„Was meinst Du Theresa?“

Theresa leckt sich genüsslich über ihre linke Pfote, ehe sie antwortet.

„Du glaubst nicht an den Weihnachtsmann, aber daran was die Medien produzieren und daran, daß Du mit deiner Stimme etwas ändern kannst!“

Langsam werde ich wütend. „Was die Tagesschau an Nachrichten bringt, sit sicherlich korrekt und richtig. Und freie Wahlen sind eine unserer Errunenschaften. Darauf beruht doch unser ganzes System!“

Theresa nickt bedächtig. „Aber weißt Du das auch,Papa?“

„Man kann es überall nachlesen und nachprüfen. Das ist ja gerade das Gute daran. Alles ist transparent. Das Volk ist der Souverän.“

Theresa streckt sich und legt dann ihren Kopf auf ihre Vorderbeine. „Papa, das ist zu abstrakt. Laß uns bei einem Beispiel bleiben.“

Ick nicke.

„Gut. Morgen ist Bundestagswahl. Du gehst in die Wahlkabine und machst deine Kreuzchen und wirfst deinen Stimmzettel in die Urne. Was passiert dann mit deiner Stimme?“

„Nun, sie wird im Wahlbüro registriert und ausgezählt.“

„Richtig, weiter?“

„Das Wahlbüro meldet die Stimme an die nächsthöhere Ebene usw. usw. Bis dann am Ende die Ergebnisse vorliegen. Damit alles korrekt abläuft, wird zimmer wieder kontrolliert.“

„Sicher und bei diesem ganzen Prozess sind sehr viele Menschen involviert, die sich allesamt für die ordnungsgemäße Durchführung der Wahl verbürgen. Aber irgendwann kommen selbst bei Kommunalwahlen Computer zum Einsatz.“

Ich nicke. Ich muß an das Desaster im vorletzten Präsidentschaftswahlkampf der USA  denken, als es ohne Ende Meldungen über die Fehlerhaftigkeit bei der Auszählungen im Bundesstaat Florida gegeben hatte.

„Wer garantiert Dir, daß es dabei keine Manipulation gibt, deine Stimme nicht einer anderen Partei zugerechnet wrd?“

Ich schüttele entschieden den Kopf. „Das ist doch nachvollziehbar. Wenn es am Ende mehr Stimmen gibt …“.

„Nein Papa. Es gibt weiterhin die gleiche Anzahl von Stimmen. Nur die Verteilung ändert sich. Vielleicht nur so minmal,daß die Partei A kurz vor der Partei B siegt. “

„Aber es werden doch die amtlichen Wahlergebnisse veröffentlicht. Da kann man es sehen!“, sage ich.

„Was kann man dabei sehen? Die Stimmen werden ja geheim abgegeben. Deine Stimme ist somit nicht nachvollziehbar.“

An diesem Punkt weiß ich tatsächlich nicht mehr weiter. Ich weiß tatsählich nicht, wie ich weiter argumentieren könnte.

„Kannst Du beweisen, daß es kein Computerprogramm gibt, das wie auch immer die Stimmverteilung verändern könnte? Bist Du dazu in der Lage, Papa?“

„Nun dafür gibt es ja Fachleute,die extra dafür eingestellt werden um das zu garantieren!“

„Einzelne,wenige Fachleute … Menschen mit Lastern, Menschen mit Fehlern.“

„Ich glaube aber nicht, daß Wahlbetrug in Deutschland möglich ist! Das geht nur in irgendwelchen Diktaturen!“

Theresa schnurrt vor sich hin.

„Schon Goethe wusste, dass niemand hoffnungsloser versklavt ist als der, der fälschlich glaubt, frei zu sein. Wenn man ein Volk beherrschen will, muß man es glauben machen, es wäre frei und könne selbst über sich bestimmen. Gegen sollen die Sklaven dann rebellieren,wenn es keine identifizierbaren Sklavenhalter gibt?“

In diesem Moment raschelt es in der Palme. „Wo bleibt mein Bananabrei?“


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