Ziele

September 29, 2010

Keine Reise ohne Ziel. Man setzt sich in München ins Auto und fährt los, um in Hamburg anzukommen. Während des Fahrens sieht man jeweils vielleicht nur 50m weit. Doch diese begrenzte Sicht nach vorne reicht. Man muß nicht jeden Meter der Gesamtstrecke kennen, um in der Hanse-Stadt anzukommen. Der feste Vorsatz dorthin zu kommen erledigt den Rest. Wie aber sieht es bei der größten Reise überhaupt aus? Bei unserer Lebensreise? Sind wir uns eigentlich bewusst, auf einer Reise zu sein?

Ich liege auf dem Sofa und beobachte Mausbär. Mein Junge sitzt, scheinbar regungslos, frei auf dem Sattel meines Heimtrainers. Beim genaueren hinsehen bemerke ich, daß er immer mal wieder minimale Bewegungen macht um das Gleichgewicht zu behalten.
Verträumt schaut Mausbär aus dem Fenster. Ich nehme mir die Zeit und beobachte Mausbär eine ganze Stunde lang. In dieser Stunde passiert oberflächlich so gut wie nichts.
Wenn ich genauer hinsehe, sehe ich, daß es in Maubär sehr wohl arbeitet, geradezu pulsiert.. Hin und wieder lächelt er verträumt nach draußen.
In diesem Moment denke ich zum ersten Mal über das nach, was Mausbär so jeden Tag macht. Eigentlich tut er…nichts.
„Wo siehst Du dich eigentlich in 10 Jahren, Mausbär?“, frage ich Mausbär.
Mausbär schaut weiter nach draußen. Nach einer Weile antwortet er, daß er nicht wisse, wann in 10 Jahren denn genau sein wird.
Ich hatte mit etwas Anderem gerechnet. Diese Antwort stimmt mich nachdenklich. Wann eigentlich ist genau „in 10 Jahren“? Beim formalen Nachdenken ist die Antwort leicht – natürlich 2020. Aber WANN ist 2020? Klar, in 10 Jahren, aber wann ist eigentlich morgen?
Zeit ist wirklich etwas sehr rätselhaftes, fast schon mysteriöses.
Mausbär dreht den Kopf zu mir. „Weißt Du, Papa. Ich weiß, wo und wie ich mich jetzt sehe. Ich sehe mich als absoluten Lebemann. Ich genieße das Leben.“
Die Antwort hat es irgendwie in sich. Ich habe eine abstrakte Vorstellung davon, wo ich mich in 10 Jahren sehe – aber wie sehe ich mich gerade jetzt selbst? Wer oder was will ich jetzt sein? Ich mache einen bescheidenen Job der mir keinen Spaß mehr macht, habe wenig Geld und muss sehen, daß ich über die Runden komme. Wenn ich ehrlich bin, dann sehe ich mich als … Verlierer.
„Ihr Menschen versteht Eines nicht. Ihr kennt das Geheimnis eigentlich alle. Es kommt sogar in Büchern und Filmen vor. Ihr checkt es einfach nur nicht. Deshalb seid ihr vollll uncoooool!“ Sagt Mausbär und hüpft vom Sattel herunter und kommt zu mir. Ich schaue ihn fragend an, er streckt seinen Arm aus und hält mir die Tatzenfläche entgegen. Als ich nicht reagiere, macht er eine Bewegung mit seinen Krallen. Unmissverständlicher gehts nicht.
Ich krame in meiner Hosentasche nach einem 5 Euro Schein und drücke ihn Mausbär in die Tatze.
„Das Geheimnis ist: Der Weg ist das Ziel! Wie Du siehst, funktioniert es. Immer. Ich bin mittlerweile ein ziemlich wohlhabender Lebemann, findest Du nicht?“
Sagt Mausbär und verschwindet in Richtung Küche. Momente später quietscht die Spindtür, es knistert und etwas fällt zu Boden. Vor meinem inneren Auge sehe ich Mausbär, wie er sich zum Regal mit den Honig Gläsern hochhangelt.
Ich schüttele den Kopf um wieder klarer denken zu können. Ziele erreicht man wohl doch immer nur im Jetzt.
In diesem Moment ertönt ein gedämpfter Schrei aus der Küche, gefolgt von einem dumpfen Geräusch.
Manche Ziele erreicht man dann eben auch erst beim zweiten, oder dritten Versuch. Wie Honig Gläser auf dem obersten Regal.

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2 Antworten to “Ziele”

  1. Karl Antara said

    Ein wunderschöner Post, obgleich melancholisch wie auch anspornend. Letztendlich schaffen wir uns unsere eigene Wirklichkeit dadurch, dass wir entweder alles Scheiße, oder eben gerade NICHT alles Scheiße finden. Somit ist doch eigentlich eine gepflegte Männerfreundschaft, bei der man auch mal in einem Cafe sitzt und faktisch nichts macht, außer sich zu freuen, dass der andere gerade da ist, richtiger Lebemannstyle, oder?

    Außerdem… vielleicht hat ja auch irgendein Penner das vermeintliche Honigglas mit Gülle gefüllt… das solltest du Mausbär vielleicht auch mal sagen… letztendlich sind wir doch alle geleitet von romantischen Vorstellungen, die in der Realität einfach nicht so zutreffen…

    In diesem Sinne, auf unsere Männerfreundschaft,
    Karl Antara

  2. Karl Antara said

    Ein wunderschöner Post, obgleich melancholisch wie auch anspornend. Letztendlich schaffen wir uns unsere eigene Wirklichkeit dadurch, dass wir entweder alles Scheiße, oder eben gerade NICHT alles Scheiße finden. Somit ist doch eigentlich eine gepflegte Männerfreundschaft, bei der man auch mal in einem Cafe sitzt und faktisch nichts macht, außer sich zu freuen, dass der andere gerade da ist, richtiger Lebemannstyle, oder?

    Außerdem… vielleicht hat ja auch irgendein Penner das vermeintliche Honigglas mit Gülle gefüllt… das solltest du Mausbär vielleicht auch mal sagen… letztendlich sind wir doch alle geleitet von romantischen Vorstellungen, die in der Realität einfach nicht so zutreffen…

    In diesem Sinne, auf unsere Männerfreundschaft,
    Karl Antara

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