Entschädigungen für „Bahnopfer“ oder: Eine Welt voller Opfer

Juli 23, 2010

Ich traue meinen Augen nicht. Vor mir steht Mausbär und hat einen Verband um den Kopf. Der Verband sitzt schlecht und ich brauche nicht zu viel Phantasie um mir vorzustellen, wie er sich  den Verband selbst angelegt hat. Eine Schlaufe hängt ihm lose ins Gesicht herunter.

„Was ist los, Mausbär? Hast Du Kopfschmerzen?“, frage ich den Jungen.

Mausbär schüttelt den Kopf. „Nein, eigentlich nicht … aber … doch irgendwie schon.“

„Was denn nun?

Mausbär wippt vom einen Fuß auf den Anderen. „Du solltest mich jetzt hinfahren!“

Ich schaue vollkommen irritiert aus der Wäsche. Ich habe keine Ahnung wo ich Mausbär hinfahren soll.

„Er will sum` Bahnhof!“, erklärt Happy.

„Genau, ich will meine 500 Euros abholen!“

Jetzt verstehe ich. Mausbär will sich Geld erschleichen.

„Aber dafür braussst Du ein Attest vom Arzt und ein Ticket!“, mischt sich jetzt auch Rocky in das Gespräch ein.

„Nein Rocky. Die Bahn hat sich heute entschlossen, alle Fahrgäste zu entschädigen. Egal ob mit, oder ohne Attest. Mausbär braucht nur ein Ticket!“, klärt Teresa die Situation von ihrem erhobenem Platz auf der Kopfstütze des Sofas.

Mausbär schaut mißmutig drein. Er hat natürlich kein Ticket, genausowenig wie er in den letzten Jahren ICE gefahren ist.

„Ich WILL aber 500 Euros!“, sagt Mausbär und stampft mit seinem rechten Fuß auf.

Ich weiß nicht recht, wie ich den Kleinen besänftigen soll, er ist total in Rage.Wütend reißt sich Mausbär den Verband vom Kopf und schmeißt ihn auf den Boden.

„Ich verstehe sowieso nich, warum überhaupt wer 500 Euros bekommt!“, sagt Mausbär böse.

„Na hör mal, Mausbär. Den Leuten ist es in den Zügen echt schlecht ergangen. Die Bahn hat nicht für die richtigen Bedingungen für die Beförderung gesorgt, dafür kann sie ruhig zahlen!“, sage ich.

„Naja, Papa. So gan´s einfach issses ja niss… Iss hab da son Berissst im Fernsehen gesehen.“, sagt Rocky.

Ich habe auch so einen Bericht gesehen. In dem Bericht war die Rede von einer Familie, die die Strecke von Berlin nach Köln mit einem ICE gefahren war. Die Klimaanlage war defekt und der Vater hatte Aufnahmen gemacht, auf denen zu erkennen war, wie schlecht es den Kindern während der Fahrt gegangen war. Das sage ich auch Rocky.

Das Höhlenäffchen macht eine wegwerfende Handbewegung.

Mausbär kickt den aufgewickelten Verband durch das Wohnzimmer. Die Schlange fliegt durch die Luft, kommt aber nicht weit.

„Genau das meine ich doch, Papa. Warum sind die Leute denn nicht ausgestiegen? Auf der Strecke Berlin-Köln sind doch Haltestellen. Wenn die Leute sich wirklich um hre Kinder gesorgt hätten, wären sie dann nicht früher irgendwo ausgestiegen?“, sagt Mausbär mißmutig.

So hatte ich das bisher nicht gesehen. Auf der Strecke gibt es einige Banhöfe, die angefahren werden. Wenn es mir im Zug wirklich drastisch zu heiß wäre, würde ich aussteigen.

„Die Jungs haben recht, Papa Erinnerst du dich noch an die alte Dame in den USA? Die war bei McDonalds und hat sich einen Kaffee über den Schoß geschüttet. Dafür hat sie 640.000 Dollar bekommen. “

Schweiß steht mir auf der Stirn. Draußen ist es heiß und mir rauscht der Schädel.  So wie meine Kinder das gerade dargestellt haben, habe ich das bisher noch nicht gesehen.

„Papa kurzzz und knackissss: wir leben inner´Welt volla Opfer!“, sagt Rocky.

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Die „Pionierin“: Stella Liebeck
Die „böse Bahn“: DB
Die weitverbreitete Krankheit: Opferhaltung

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