Die neue (unanständige) Gesundheitsreform – her mit EUREM GELD!!!

Juli 7, 2010

Mausbär sitzt auf seinem Sessel und führt seine Meditationsübungen durch, was nichts anderes bedeutet, als das er sich nicht bewegt und nach Honig schreit, anstelle ihn zu holen. Lebemann-Stil eben. Rocky liegt in seinem Mini-Strandkorb und schnarcht leise vor sich hin. Happy hat es sich auf dem Teppich im Flur bequem gemacht.
Nur Teresa und ich sitzen auf dem Sofa und schauen TV. Es laufen Nachrichten.
Im Bild erscheint der auffällig junge Gesundheitsminister Rösler und die schrille Stimme einer Nachrichtensprecherin kommentiert die von Rösler lang angekündigte Gesundheitsreform. Ich höre gespannt zu. Der Bericht ist schnell vorbei und es folgt ein belangloser Bericht über Paul, die Krake mit hellseherischen Fähigkeiten.
„Papa, diese Reform ist ebenso unanständig wie dieser Gesundheitsminister!“
Ich bin immer begeistert von Teresas Wortwahl und ihrer Art zu sprechen. Irgendwie erinnert sie mich an meine Oma, aber ihre Stimme hat einen absolut jugendlichen, dennoch kultivierten Unterton. Aber wer benutzt heute noch das Wort unanständig?
Ich nicke dem Kätzchen zu, daß neben mir auf dem Sofa liegt. Ich verstehe ihre Aufregung.
„Wieder wurde bei keinem der Großen angesetzt. Krankenkassen, Ärzte, Pharmafirmen kommen ungeschoren davon.“
Teresa schüttelt den Kopf. „Angeblich sollen die Großen in 2011 3,5 Milliarden mittels nebulöser Maßnahmen sparen. Die Versicherten hingegen werden aber durch konkret beschlossene Maßnahmen um 6 Milliarden erleichtert. Das ist nicht richtig. Wer soetwas ausarbeitet und damit vor die Kameras tritt, ist nichts anderes als unanständig.“
Naja, so ganz stimme ich da nicht mit Teresa überein. Das sage ich ihr auch und ergänze, daß ja niemand erleichtert würde, sondern das es sich um Sparmaßnahmen handelt.
„Sparmaßnahmen, Papa, daß ich nicht lache!“, sagt Teresa ungewohnt hart. Ich schaue entsprechend verwundert in die Weltgeschichte.
„Wenn Mama und Du spart, wie macht ihr das?“
Ich denke kurz nach und sage dann: „Also wir legen Monat für Monat etwas Geld zur Seite und wenn wir die Summe dann zusammenhaben …“. Teresa hebt ihre Pfote um mich zu unterbrechen.
„Das ist anständig, daß ist sparen! Was macht ihr, wenn ihr mal wieder eurer Konto überzogen habt?“, fährt Teresa fort.
Ich zucke mit den Achseln. „Wir haben monatliche Fixkosten die gedeckt sein müssen. Z.B. für Essen, Miete usw. Wenn irgendwie möglich, versuchen wir vom Rest das Konto auszugleichen, sonst werden ja teure Überziehungszinsen fällig. Das heißt, daß wir teure aber unnötige Ausgaben erstmal aufschieben oder ganz sein lassen.“
Wieder nickt Teresa. „Auch DAS ist anständig.“
Ich schüttele den Kopf, denn so richtig folgen kann ich dem Kätzchen nicht mehr.
„Das was Minister Rösler da heute präsentiert hat, funktioniert vollkommen anders. Das kannst du dir so vorstellen: Mama und du kommt mit eurem Geld nicht mehr aus und produziert Schulden. Vielleicht ist z.B. der Honig teurer geworden. Ihr bemerkt, daß ihr Schulden macht, kauft aber weiterhin auch Schnösereien wie z.B. extra große Speckmäuse für mich oder Gelee Royal für Mausbär …“. Teresa wird von Mausbär unterbrochen, der durch das Schlagwort „Honig“ aus seiner Kontemplation gerissen wurde und gröhlt: „Gelee Royal ist keine SCHNÖSEREI, es ist DRINGEND notwendig!“
Teresa nickt in Mausbärs Richtung und sagt: „Mausbär übernimmt jetzt die Stellvertretung für die Pharmaindustrie.“
Mausbär lacht über diese Vorstellung. Als er nur noch kichert, fährt Teresa fort.
„Ihr kauft also ungehemmt weiter, erhöht sogar die Summe die ihr monatlich ausgebt immer weiter. Ihr produziert also Schulden weil: Das Auskommen ist größer als das Einkommen und ihr macht das genaue Gegenteil von Sparen.“
Das habe ich verstanden und nicke.
Teresa heb ihren Kopf von den Pfoten und schaut mich sanft an.
„Ihr macht also Schulden und gespart wird nicht. Also muß mehr Geld her. Also überlegt ihr euch, daß ihr einfach das Kostgeld, das ihr gedanklich von uns Kindern bekommt, erhöht, so daß es passt. Wenn uns das dann zu teuer wird, können wir uns ja auch eine andere Wohnung suchen.“
Hier stehe ich mal wieder auf dem Schlauch und muß nachfragen, ob Teresa mit „anderer Wohnung“ eine andere Krankenversicherung meint. Teresa strahlt über ihr bezauberndes Gesicht. Ich habe es also richtig verstanden.
„Genau das. Und um den ganzem die Krone aufzusetzen, enthält dieser Plan auch noch eine besonders unanständige Klausel, die das Ganze sozialer aussehen lassen soll. Ihr als Vermieter verpflichtet euch, die Miete nicht über einen Durchschnittswert zu erhöhen.“
„Aber das ist doch fair?“, werfe ich ein.
Teresa macht eine wegwerfende Bewegung mit ihrer Pfote.
„Auf dem Papier ist es fair. Aber überleg bitte Mal, was das bedeutet. Wenn alle Vermieter die Miete gleichmäßig erhöhen, ist der Durchschnittswert absolut nichts wert. Es wird argumentiert, daß damit ja eine marktwirtschaftliche Konkurrenzsituation erschaffen wird. Die Krankenkassen/Vermieter würden dann ja im Wettbewerb stehen und so die Erhöhungen gering halten.“
Jetzt verstehe ich, was Teresa mit unanständig meint und das erinnert mich an etwas.
„Das ist doch genauso wie bei der Euroeinführung! Da wurde doch auch argumentiert, daß die Geschäfte nicht die Preise willkürlich bei der Umrechnung anheben können, weil sie somit ja die Kunden zur preiswerteren Konkurrenz treiben würden.“
Teresa lächelt wieder ein bezauberndes Lächeln, bei dem mir zum ersten Mal ihr überaus weißes und überaus spitzes Gebiß auffällt.
„Genau DAS, Papa. Dummerweise gab es damals keine preiswerte Konkurrenz und diese preiswerte Konkurrenz wird es auch diesesmal nicht geben.“
Teresa hat das scheinbar rasend schnell erfasst, oder sie hat heute Nachmittag bereits davon gehört. Ich bin irgendwie schockiert.

„Diese Reform ist weder fair, gerecht, ökonomisch und auch nicht clever. Sie ist unanständig. Aber die Menschen da draußen sind so sehr im Fußballfieber, daß sie sich darüber keine Gedanken machen. Paul die Krake ist momentan lustiger. Wenn die WM vorbei ist, dann wird erst mal zünftig in den Urlaub gefahren. Wenn der Deutsche Michel dann aus dem Urlaub zurückkommt, steht er vor vollendeten Tatsachen und wird diese auch akzeptieren. Manche werden vielleicht auch noch denken, daß Gesundheitsminister Rösler doch ein besonders jungdynamischer und fähiger Mann ist. Beide Eigenschaften treffen voll zu, doch ganz anders, als der Ottonormalo denkt“.
Teresa legt ihren Kopf wieder auf ihre Pfoten und eines ihrer Löckchen fällt ihr ins Gesicht.

„Hunger!“, sagt eine Stimme flüsternd. Ich reagiere nicht, weil ich in Gedanken noch bei dem bin, was Teresa da gesagt hat. Unterbewusst höre ich „Hunger!“, nocheinmal, ignoriere es aber weiter.
„Hunger!“, jetzt so laut das ich es nicht ignorieren kann. Ich registriere es und drehe den Kopf langsam, aber zuuu langsam in Richtung Mausbär.
„Verdammt nochmal Papa! Ich mache einen Extremversuch im Nichtbewegen und habe Hunger! Hol mir bitte sofort ein Glas Honig“, schreit die Pharmaindustrie, nein ähm .. ich meine Mausbär mit dämonischer Stimmgewalt…
Ich nicke und tue was der Junge will. Widerstand ist zwecklos, wie im echten Leben.

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