Papa, Du bist Nr.8! oder: Jeder Neunte (Erwerbstätige) fühlt sich unterbeschäftigt

Juni 30, 2010

Ich kam heute Abend von der Arbeit zurück und fand die Wohnung verwaist vor. Meine Kinder waren illegaler Weise auf Tour. Wahrscheinlich haben sie sich bei den Nachbarn eingeschlichen. Das ältere Ehepaar ist sehbehindert und Rocky und Mausbär haben eine Nummer drauf, in der sie sich als Entstör-Kräfte des örtlichen Gasversorgers ausgeben. Selbstverständlich ist diese Aktion GEGEN jede Absprache, aber in der Vorratskammer des Ehepaars (in dem es immer das Gasleck gibt, obwohl das Haus mit Öl beheizt wird) gibt es große Mengen an Honig, Bananen und Möhren.

Resigniert hänge ich meine Jacke an die Garderobe und höre ein Seufzen. So ganz alleine bin ich also doch nicht.

Ich schaue nochmal ins Wohnzimmer und registriere, daß das Radio leise vor sich hin dudelt. Dann sehe ich Teresa. Teresa liebt Radio und hat es sich auf dem Hocker bequem gemacht.

Teresas Kopf liegt auf ihren Pfoten und sie strahlt als sie mich im Türrechteck entdeckt.

„Ich dachte schon, Du hast nicht mehr an mich gedacht!“, sagt Teresa mit ihrer wohl akzentuierten Stimme. Teresa ist hübsch anzusehen. Wie fast immer trägt sie ihre Haare zu kleinen Zöpfen gebunden und hat ihr zauberhaftes, rotes Kleidchen an.

„Wie könnte ich das denn?“, sage ich und tätschele sanft ihren Kopf. Teresa schnurrt wohlig.

„Na vielleicht, weil Du so unterfordert bist?“, erklärt das Kätzchen.

Ich runzele die Stirn. Mein Tag war lang und ich fühle mich so gar nicht unterfordert.

„Wie kommst Du denn darauf?“, frage ich immer noch stirnrunzelnd.

„Das habe ich im Radio gehört. Da statistische Bundesamt sagt das.  Du bist also nicht unterfordert? Möchtest Du länger arbeiten?“

Ich schüttele energisch den Kopf. „Ich gehe 5 Tage die Woche mindestens acht Stunden am Tag arbeiten. Ich habe so gut wie nie Pause, meine Arbeit ist körperlich anstrengend und ich muss den ganzen Tag freundlich zu den Kunden sein, egal wie es mir geht. Trotzdem bekomme ich dafür nicht viel Geld, bin aber abends komplett fertig.“

Teresa wiegt den Kopf.

„Dann bist Du wahrscheinlich eine Nr.8…“, witzelt das Kätzchen.

„Ganz ernsthaft Teresa, ich kenne eigentlich Niemand, der darüber klagt, zuwenig zu tun zu haben. Ich kenne eine Person, die sich bei der Bundeswehr durch die Dienstzeit hindurch gelangweilt hat. Aber ansonsten sagen alle, daß sie eher zuviel Arbeit für zuwenig Geld haben.“

Teresa nickt schweigend, überlegt.

„Dann ist das wieder nur Suggestion!“, sagt Teresa leise.

Ich frage Teresa, was sie meint.

Teresa verzieht das Gesicht zu einer ambivalenten Mischung aus Lächeln und Härte.

„Die Menschen sollen damit beeinflusst werden. In den Köpfen der Menschen soll ein neuer Glaubenssatz installiert werden: Viele Menschen fühlen sich unterfordert, würden gerne mehr arbeiten. Wenn ich das nicht fühle, bin ich dann faul?“

Ich bin verblüfft und lasse mir das Gesagte nochmal durch den Kopf gehen.

„Die Leute sollen dahin manipuliert werden, daß sie aus Scham auch unentgeldlich Mehrarbeit leisten sollen. Sonst sind sie keine guten Mitglieder der Gesellschaft. Schließlich soll man ja froh sein, Arbeit zu haben.“

Ein Kloß bildet sich in meinem Hals. Auch schlucken hilft nicht.

„Hast Du schonmal darüber nachgedacht, was der Unterschied zwischen Sklaverei und der industrialisierten Welt ist?“

Da muss ich nachdenken.

„Nun ja, Sklaven haben keine Rechte, werden gezwungen zu tun, was ihre Herren wollen?“, vermute ich.

Teresa schüttelt langsam den Kopf.

„Sklaven wissen, daß sie unfrei sind. Deshalb revoltieren Sklaven irgendwann. Der Unterschied ist, daß den Arbeitnehmern Freiheit vorgegaukelt wird. Die Arbeitnehmer sind somit soetwas wie glückliche Sklaven. Marie von Ebner-Eschenbach hat das einmal sehr schön formuliert: „Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.“

„Aber Teresa! Ich bin doch kein Sklave!“, sage ich mit Nachdruck.

Teresa hebt die Pfoten und dreht die Pfoten nach oben.

„Des Menschen Wille ist sein Himelreich. Aber im Grunde weißt Du, daß das eine Lebenslüge ist, wenn Du sagst, daß Du frei bist.“, ergänzt Teresa.

„Sicher, ich muß arbeiten gehen, Miete zahlen, Steuern zahlen, aber …“. Teresa unterbricht mich.

„Letztendlich bist Du nur eine Arbeitsbiene, von deren Arbeit immer nur andere profitieren!“

Ich will etwas dazu sagen, komme aber nicht dazu. Etwas zupft an meinem rechten Hosenbein. Ich schaue runter.

„Habe ich da Bienen gehört? Wo gibts Honig?“, kreischt Mausbär los.

Ich presse die Lippen zu einem Strich zusammen. „Ah, ein Mitglied des Entstörteams vom Gaswerk, vermute ich?“

„öhm … nein, Papa, also…“. Mausbär stottert und trippelt nevös von einem Fuß auf den Anderen.

„Also ja. Wo sind die anderen zwei Entstörer?“

Mausbär schaut mich an und schweigt.

„Ich höre?“

„Nun ja, Papa…. Die Beiden sind noch … bei der Arbeit, sozusagen.“

„Sie sind noch bei den Müllers!?“ Mein Herz beginnt zu rasen.

„Deshalb bin ich ja hier … Rocky und Happy sind beim Schnösen wohl eingeschlafen. Ich bekomme sie nicht wach. Da hab`ich zu den Müllers gesagt, ich hole meinen Meister aus der Zentrale ab, der sich dann um das Leck kümmert……“

Ja, scheinbar bin ich wirklich unterfordert. Jetzt habe ich einen Nebenjob als Gas-Leck-Spezialist beim örtlichen Energieversorger. Tolle Wolle….

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